Anne Ulrich – ein Ausstellungsbericht

Ausstellungen, Im Atelier

Am vergangenen Samstag habe ich mich auf den Weg gemacht um mir eine besondere textile Ausstellung in der Lutherkirche in Bochum – Dahlhausen anzuschauen.

Raum f√ľr Stille – Textile Kunst von Anne Ulrich

Blick in den Altarraum

Anne Ulrich hat im Laufe der Jahre, neben Malerei und Grafik, f√ľr die Umsetzung ihrer Installationen und Skulpturen die textile Kunst entdeckt.¬†Sie arbeitet und lebt als freischaffende Malerin, Zeichnerin und Textilk√ľnstlerin in Bochum.¬†Wir kennen uns schon seit vielen Jahren und haben auch schon gemeinsam ausgestellt.¬†Sie ist einen interessanten k√ľnstlerischen Weg gegangen, hat schon sehr fr√ľh, bereits mit 16 Jahren, Kontakt zur Kunstszene gehabt und hat im Laufe der Jahre auch die textile Kunst f√ľr sich entdeckt. Sie vertritt nachdenkenswerte Ansichten, was die Kunst im Allgemeinen und die Textilkunst im besonderen angeht. Aber lesen Sie selbst:

Interwiew (aus dem Jahr 2015, aber immer noch aktuell)

– Wie war Ihre Ausbildung ?

Studiert habe ich an der damals neu gegr√ľndeten Fachhochschule in Dortmund, Design und freie Malerei und war u.a. Sch√ľlerin von Pitt Moog, Pan Walter, Hartmut B√∂hm und Gustav Deppe.

– Wie war der Werdegang als K√ľnstlerin? K√∂nnen Sie etwas √ľber Ihren Hintergrund erz√§hlen?

Eine grunds√§tzliche Pr√§gung habe ich sicherlich durch meine Mutter erfahren, die als gelernte Schneiderin ihre Arbeiten zuhause anfertigte und mir alle Freiheiten lie√ü, mich mit den mystischen Tiefen ihres N√§hkorbes auseinander zu setzen. Und was ist schon faszinierender f√ľr ein Kind, als wenn aus einem St√ľck Stoff, mit Hilfe eines Schnittmusters, einer Anprobe, ein Kleidungsst√ľck mit ‚Äě Wiener Naht‚Äú entsteht. Aus der Fl√§che ein Objekt! Nach wie vor bin ich tief ber√ľhrt, wenn ich eine alte Knopfkiste finde oder einen alten N√§hkorb entdecke, der eigenartigerweise auch von Frauen geh√ľtet und weitergegeben wurde, die gar keinen textilen Bezug haben. Ich glaube das Letzte, was Frauen vernichten k√∂nnen, sind die Handarbeiten, Knopfkisten und N√§hk√∂rbe ihrer Gro√üm√ľtter. Oftmals findet man in diesen Knopfkisten auch gut geh√ľtete Geheimnisse und Familiengeschichte. Offenbar hat sich im kollektiven, weiblichen Unterbewusstsein ein tiefe Achtung f√ľr den k√ľnstlerischen Stellenwert der textilen Handarbeit erhalten. Gerechterweise muss ich erw√§hnen, dass es auch einigen M√§nnern so geht.

– Sind Sie durch einen Lehrer inspiriert worden? Welche Stationen waren f√ľr Sie von besonderer Bedeutung f√ľr Ihre k√ľnstlerische Arbeit? (eigene Ausstellungen, Begegnungen, Erlebnisse…)¬†

Ja, durch meinen damaligen Kunstlehrer (Hawoli). Als bildender K√ľnstler lud er mich zu seinen und anderen Ausstellungen ein und ich bekam schon fr√ľh Kontakt zur konkreten Kunst und ihren K√ľnstlern wie Schoonhoven, Luther, Morellet, Reusch und habe ihre ersten Ausstellungen in der neu gegr√ľndeten ‚ÄěGalerie M‚Äú in Bochum gesehen. Allerdings habe ich auch tiefe Einblicke in den Kunstbetrieb bekommen und das hatte eher abschreckende Wirkung. Anfang der 70er waren dann Happenings und Fluxus angesagt und ich musizierte z.B. als Gastspielerin im Jupp van de Flupp Orchester und habe die Waschtrommel gespielt. Ich habe dann¬†viele Stilrichtungen ausprobiert, bin aber immer wieder zur Reduktion zur√ľck gekehrt.

Haben Sie sich f√ľr andere Kunstrichtungen interessiert, bevor Sie sich f√ľr das Textile entschieden haben? Wie ist das aktuell?¬†

Na klar und immer noch! F√ľr mich bietet aber das textile Arbeiten andere k√ľnstlerische Umsetzungsm√∂glichkeiten und mehr Freir√§ume als andere Techniken¬†und da ich mich als konkrete oder minimalistische K√ľnstlerin verstehe, entstehen meine textilen Objekte aus meiner Malerei und meinen Zeichnungen.¬†Zweidimensional und konkret angelegt, entwickeln sie als Objekt oder Installation ihr Eigenleben und die Grenze zwischen Abstraktion und Gegenst√§ndlichkeit wird
fließend.

– Mit welchem Material arbeiten Sie heute am liebsten?

Eigentlich arbeite ich am liebsten mit textilen Materialien, weil die tats√§chlichen Ergebnisse und Raumwirkungen einfach √ľberraschender und ungewohnter sind.

РMit welcher Technik arbeiten heute Sie am liebsten? 

Die Frage ist schwierig zu beantworten, weil die Technik f√ľr mich eigentlich nur Mittel zur Zielerreichung ist und zwangsl√§ufig unterschiedlich ist.

РWelche Ziele verfolgen Sie inhaltlich? 

Mich treibt, auch r√ľckblickend betrachtet, die Neugier, das Machen und neue, unerwartete Dinge in den Raum setzen. Aber auch als K√ľnstlerin eigenst√§ndige, weibliche Positionen zu entwickeln und unabh√§ngig von Marktmechanismen arbeiten zu k√∂nnen. Meine Arbeit sehe ich als fortw√§hrende, prozesshafte Installation. Inhalt und Form verbleiben nur f√ľr einen tempor√§ren Zeitraum. Der fortlaufende Entstehungsprozess eines Werkes unter Einwirkung von Zeit, Raum, Gegebenheiten, wie Ber√ľhrung, und Transport, ist wichtiger als die dauerhafte Sicherung. Eine Installation die sich teilweise auch aus sich selber ver√§ndert, durch neue √∂rtliche Gegebenheiten und Begegnungen beeinflusst wird und beeinflusst, vergleichbar dem menschlichem Lebensprozess.

– Sehen Sie sich durch die Wahl von Material und Technik in der Pr√§sentation in der √Ėffentlichkeit eingeschr√§nkt?¬†

Ich sehe mich eigentlich weniger durch die Wahl von Material und Technik eingeschr√§nkt, sondern mehr durch die Tatsache, das K√ľnstlerinnen generell in der Pr√§sentation in der √Ėffentlichkeit benachteiligt werden und wurden. So liegt der Anteil an ausgestellten K√ľnstlerinnen in gro√üen H√§user und Galerien in Deutschland ungef√§hr bei 10-15%, wobei hierbei der Anteil von K√ľnstlerinnen, die ab den sp√§ten 80er Jahren t√§tig sind, eindeutig √ľberwiegt. Das hei√üt die eigenst√§ndigen, k√ľnstlerischen Positionen von Frauen ab 1900 (bis auf ein paar Vorzeigek√ľnstlerinnen und dann meistens noch aus dem Dunstkreis von bekannten M√§nnern) sind so gut wie gar nicht bekannt. Unverst√§ndlich ist es weiterhin, dass es f√ľr die Pr√§sentation von K√ľnstlerinnen extra Frauenmuseen geben muss. Der Herrensalon (Museum) wird zwar durch die Steuerzahlerinnen unterhalten, ist aber weiterhin f√ľr die Damen schwer zug√§nglich. Wie soll sich da ein √ľberwiegend weiblich besetztes Material (s. auch Stichwort weibliche Arbeit / Kr√ľnitz -Oekonomisch-technologische Encyklop√§die-) wie Stoff da durchsetzen, zumal wenn es gemessen an Stahlskulpturen so verg√§nglich ist und die allgemeine Kunsttheorie m√§nnlich gepr√§gt ist. Kurzum, gibt es eigentlich eine Doktorarbeit √ľber den gesellschaftlichen Stellenwert der weiblichen Aussteuer ?

– Sehen Sie sich dadurch weniger als K√ľnstler akzeptiert?¬†

Mit Sicherheit werden K√ľnstler/innen, die dann auch noch textil arbeiten, weniger akzeptiert. Aber darin sehe sich ich gerade die gro√üe Herausforderung, der Handarbeit ihren k√ľnstlerischen Stellenwert zukommen zu lassen. Alles andere w√§re auch Verrat an allen unbekannten weiblichen Vorfahren, die keine andere M√∂glichkeit hatten, sich k√ľnstlerisch auszudr√ľcken . Wenn ihre Arbeiten √ľberlebt haben, wird allenfalls noch das Kloster genannt, indem ihre Arbeit angefertigt wurde. Aber da selbst deutsche Frauenmuseen heute noch Probleme haben, textile Arbeiten auszustellen, kann man eigentlich schon von Benachteiligung sprechen. Man spricht selbstverst√§ndlicher von Gartenkunst, Kochkunst, Schnitzkunst, Schriftkunst (erst recht, wenn M√§nner beteiligt sind), als von Textilkunst. Warum eigentlich ?

РWelche aktuellen Projekte stehen an? 

Im Moment stehen keine Projekte an.¬†Eigentlich lasse ich die Projekte eher auf mich zukommen, lasse mich √ľberraschen und das klappt eigentlich recht gut.

Die heutige Kunstszene steht immer mehr im Zeichen der Projekte.

– Haben Sie schon Projekte mit anderen K√ľnstlern durchgef√ľhrt?¬†

Ja, mehrfach und gerne, ein Beispiel sind mehrere Ausstellungen mit der Gruppe 4fach. Wenn man in einer Gruppe eine Ausstellung vorbereitet, kommen viele Inhalte und Aspekte hinzu, die f√ľr den einzelnen K√ľnstler und auch f√ľr den Besucher inspirierend sind, wobei f√ľr mich auch immer interessante R√§ume wichtig sind, wie die Scheidtschen Hallen in Essen-Kettwig mit industrieller, textiler Vergangenheit.

– Glauben Sie, dass das Interesse am Textilen und an den textilen K√ľnsten zunimmt?¬†

Ja, unbedingt und das gilt auch f√ľr j√ľngere M√§nner. Das erlebt man, wenn man entsprechende Messen besucht und auch bei den Ausstellungen. Zunehmend setzt sich auch die j√ľngere Generation provokativ, mit der Geringsch√§tzung der ‚Äěweiblichen Arbeit‚Äú auseinander.

– Sammeln Sie etwas? Sind B√ľcher f√ľr Sie wichtig?¬†

Also wenn ich etwas sammele, dann sind es B√ľcher und besondere Zeitschriften (z.B. Gartenzeitschriften). Dann kommen gleich Kn√∂pfe und Stoffe, weiterhin gr√ľne Gl√§ser, vom Meer geschliffene Glasscherben, Muscheln, Steine, √Ąste, Kochrezepte, Pflanzen, gute Freunde, gute Gespr√§che, sonnige Stunden und unerledigte, ungeliebte T√§tigkeiten………..k√∂nnte ich endlos weiterf√ľhren.

– Wie und wo finden Sie Ihre Inspiration?

In der Natur, in B√ľchern, guten Ausstellungen und Musik.

РInwieweit werden Sie von Ihrer Umgebung beeinflusst? 

Da ich fr√ľhzeitig beschlossen habe, nicht von der Kunst leben zu m√ľssen,¬†habe ich meinen Lebensunterhalt anderweitig bestritten. Dadurch fehlte mir die Zeit, mich √∂fter an Ausstellungen zu beteiligen.

Das empfinde ich aber nicht unbedingt als Nachteil, weil mir die k√ľnstlerische Freiheit wichtiger ist und ich auch viel Wert auf gute Orte lege und die sind halt nicht so h√§ufig. So kann es vorkommen, dass ich dann zwei Jahre z.B. einen Garten anlege.

Die Ausstellung in Bochum- Dahlhausen

 

Auf der Empore

Die Ausstellung in der Lutherkirche zeugt von dem guten Gef√ľhl der K√ľnstlerin¬†f√ľr die √∂rtlichen Gegebenheiten und deren Einfluss auf die Installationen und Objekte und umgekehrt.¬†Die Werke¬†sind¬†√ľberzeugend in den Raum gesetzt und lassen dem Betrachter die M√∂glichkeit eigene Empfindungen wahrzunehmen und so auch sehr pers√∂nliche Interpretationen zuzulassen. Das Textile tritt in manchen Objekten in den Mittelpunkt, bei anderen Objekten fragt man sich, um welches Material es sich hier handelt. Das Ver√§ndern der textilen Haptik erzeugt eine Irritation, man m√∂chte die Dinge begreifen, die Oberfl√§che ber√ľhren. Es ist nicht weich, nicht hart, es hat eine Verwandlung stattgefunden, die fasziniert.

 

Ohne Titel

 

Detail

 

Rauminstallation 1

 

Rauminstallation 2

 

Rauminstallation 3

√Ėffnungszeiten der Ausstellung:

Jeden Donnerstag von 10-12 Uhr und Samstag von 11-13 Uhr (im Rahmen der offenen Lutherkirche).
Nat√ľrlich sind auch die Gottesdienste Anlass um sich die Ausstellung anzusehen.

Ausstellungsdauer: 02. Juni bis 30. Juni 2018

weitere Informationen:

http://www.anne-ulrich.de
http://www.lutherkirche-dahlhausen.de/index-aktuell.html
https://www.waz.de/staedte/bochum/sued/textile-kunst-veraendert-den-kirchenraum-id214479401.html

Das Copyright f√ľr die Fotografien und das Interview¬†liegt bei der K√ľnstlerin