Garden of Eden

Ausstellungen, Gedanken zur Kunst

Ich habe in der vergangenen Woche bereits ĂŒber Haslach und die Veranstaltung von ETN berichtet.

Nun möchte ich eingehender auf die Ausstellung in Schloß Neuhaus eingehen. Leider sind meine Fotos nicht so gut geworden. Sie können aber ohne weiteres bei Judith Mundwiler auf Facebook schauen, da kann man einen guten Eindruck gewinnen. Einen weiteren Link hatte ich ja schon vergangenen Woche gesetzt.

Neben den Fotos aus der Ausstellung finden Sie in diesem Beitrag Fotos aus der Ausstellung Before Cotton – japanische Textilien aus der Sammlung Kei aus Kyoto. Welche Fasern wurden vor dem Gebrauch von Baumwolle in Japan gewonnen und verarbeitet? Da werde ich sicher noch ein anderes Mal drĂŒber berichten. Nur so viel: die PrĂ€sentation im Kirchtum war einfach atemberaubend, die Artefakte unglaublich schön. Da bekam man wirklich eine GĂ€nsehaut, vor allen Dingen, wenn man von alten Textilien so begeistert ist wie ich. Wir hatten noch das GlĂŒck, sie in einem besonderen Abendlicht sehen zu können.

Zum Sommersymposium TEXTILE KULTUR HASLACH und der gleichzeitig stattfindenden ETN-Konferenz wurde eine internationale Gruppenausstellung zu dem Thema Garden of Eden ausgeschrieben. Aus 452 Werken wurden durch eine Fachjury die besten Arbeiten ausgewĂ€hlt. ZusĂ€tzlich wurden noch namhafte KĂŒnstlerInnen zusĂ€tzlich eingeladen. So wurden vom 18.7.2019 bis zum 4.8.2019 100 Arbeiten von KĂŒnstlerInnen aus 34 Nationen gezeigt.

Und da kommt auch schon ein wenig Wehmut ins Spiel. Der Ort, das Schloß Neuhaus, hoch ĂŒber der Donau gelegen, hat sich phantastisch fĂŒr diese Werkschau bewĂ€hrt. So ein altes GemĂ€uer eignet sich hervorragend fĂŒr eine solche PrĂ€sentation. Aber eigentlich ist die Ausstellungsdauer viel zu kurz. Man hĂ€tte sich gerne den Zeitraum um zwei Monate lĂ€nger vorgestellt. Dann hĂ€tte neben den Arbeiten auch die gute und sensible HĂ€ngung und die Arbeit, die damit verbunden ist, noch eine grĂ¶ĂŸere Anerkennung durch weitere Besucher erhalten können. Ich hĂ€tte mir diese Ausstellung auch noch an anderen Orten in anderen LĂ€ndern Europas vorstellen können. In beiden FĂ€llen wĂ€re natĂŒrlich der Aufwand und der administrative Einsatz enorm und das Team von TEXTILE KULTUR HASLACH kann das meiner Meinung nicht alles alleine leisten weder administrativ noch finanziell. Es wĂ€re aber sicher eine gute Sache, sollte eine solche Ausstellung in den nĂ€chsten Jahren wiederholt werden, bei ETN eine Arbeitsgruppe zu diesem Thema einzurichten.

Ich stelle mir nach einer solchen Ausstellung Fragen ĂŒber die textile Kunst im Allgemeinen und versuche, Tendenzen fĂŒr die Zukunft abzuleiten. Dies geschieht manchmal durch die Auswertung der Daten, die man durch den Katalog erhĂ€lt. Gehen Sie doch einmal mit auf eine statistische Reise.

Wie ist die Verteilung der TeilnehmerInnen auf die einzelnen LĂ€nder?

  • 20 aus Österreich
  • 15 aus Deutschland
  • 5 aus Polen, Finnland
  • 4 aus Slowakei
  • 3 aus Frankreich, Großbritannien, Schweiz, Kanada, Japan
  • 2 aus Norwegen, Argentinien, DĂ€nemark, USA, Estland
  • 1 aus Neuseeland, Korea, Ungarn, Argentinien, Aserbaidschan, Belgien, Litauen, Schweden, Lettland, Irland, Australien, Ägypten, Niederlande, Russland, Griechenland, Bulgarien, Armenien, Republik China, Serbien

Westeuropa stellt mit 48 KĂŒnstlerInnen die grĂ¶ĂŸte Gruppe. Osteuropa ist auch gut aufgestellt mit insgesamt 17 TeilnehmerInnen aus 10 LĂ€ndern. Aus dem Norden Europas sind vier LĂ€nder mit 10 TeilnehmerInnen vertreten.

Was mir immer wieder auffĂ€llt: es gibt fast keine TeilnehmerInnen vom afrikanischen Kontinent. Gibt es dort keine KĂŒnstlerInnen, die das Textile in den Mittelpunkt stellen? Die Frage stellt sich ebenfalls fĂŒr SĂŒdamerika. Und: wie erfahren TextilkĂŒnstlerInnen weltweit von einem solchen oder auch einem anderen Wettbewerb?

Warum sind manche LĂ€nder nicht vertreten? Sind die Kosten fĂŒr den Transport zu hoch? Sind die ZollformalitĂ€ten zu aufwendig und kompliziert? Beherrscht man die Wettbewerbssprache nicht? Ist es schwierig oder zu teuer, gute Fotos zu machen oder machen zu lassen?…

Auffallend bei der ETN-Konferenz war die Anzahl der jungen Textilschaffenden.

Und in der Ausstellung?

Jahrgang 1941 – 1949 : 11 Teilnehmerinnen

Jahrgang 1950 – 1959 : 23 Teilnehmerinnen

Jahrgang 1960 – 1969 : 20 Teilnehmerinnen

Jahrgang 1970 – 1979 : 20 Teilnehmerinnen

Jahrgang 1980 – 1989 : 17 Teilnehmerinnen

Jahrgang 1990 – 1994: 5 Teilnehmerinnen

Die Anzahl der ganz Jungen ( 1990 – 1994) ĂŒberrascht. Hier die Namen Vilyana Milanova aus Bulgarien und Nathalie Irene Kröll, Kerstin Brand, Sarah Rachinger und Alexandra Plissinger aus Österreich. Vielleicht hören wir ja in den nĂ€chsten Jahren noch mehr von diesen Frauen. Hat das Textile Zentrum Haslach vielleicht einen guten Überblick im eigenen Land und kann die Jungen ansprechen? Wie sieht es in anderen europĂ€ischen LĂ€ndern aus? Brauchen wir in den europĂ€ischen LĂ€ndern „Headhunter“, die speziell nach den NachwuchskĂŒnstlerinnen Ausschau halten?

Gleichzeitig ist ein großes homogenes Mittelfeld abzulesen. 40- bis 70jĂ€hrige bilden den grĂ¶ĂŸten Block.

Eine interessante Altersstruktur, die hoffen lĂ€ĂŸt auf den Nachwuchs und gleichzeitig zeigt, das auch mit den „Alten“ nach wie vor zu rechnen ist. Wenn man ĂŒber Stipendien nachdenkt, sollte man vielleicht nicht nur an die Jungen denken. Auch die Alten können in dieser Hinsicht UnterstĂŒtzung gebrauchen, insbesondere dann, wenn sie Seiteneinstieger waren oder erst nach der Kinderpause in die textile Arbeit eingestiegen sind. Auch Renten mĂŒssen nicht immer so hoch ausfallen, dass eine gute kĂŒnstlerische Weiterentwicklung in spĂ€teren Jahren möglich ist. Aber das Potential ist da und das darf nicht ĂŒbersehen werden.

Was dann zur nĂ€chsten Frage fĂŒhrt. Wie steht es mit der Ausbildung? Soweit man das aus den Biografien oder Texten ableiten kann, stellt sich das folgendermaßen dar:

Drei KĂŒnstlerInnen kommen aus dem Handwerk, vier bezeichnen sich als Autodidakten, zehn haben Fachhochschulen oder andere AusbildungsstĂ€tten absolviert, siebzig haben eine Hochschulausbildung. Überwiegend wird ein Kunst- oder Textilkunst- oder Designstudium angegeben. Das hat mich sehr ĂŒberrascht, denn im Quiltbereich, mit dem ich mich nun lange Jahre auseinandergesetzt habe, wĂŒrde eine solche Analyse zum Beispiel bei der Quilttriennale in Heidelberg sicher ganz anders ausfallen. Ich denke, es wĂ€ren mehr Autodidaktinnen zu zĂ€hlen, allerdings durch den Besuch zahlreicher Workshops bei wichtigen Vertreterinnen der Quiltkunst ebenfalls ausgebildet. Und doch ist ein Studium ein anderes Ding. Wenn ich immer dafĂŒr plĂ€diert habe, Fortbildung und Weiterbildung anzubieten und auch Workshops zur Professionalisierung eingefordert habe, muss ich meine Meinung an der Stelle vielleicht revidieren. Da ist vielleicht gar nicht so viel Handlungsbedarf nötig.

MĂŒssen wir auch in der Lehre anders denken, insbesondere dann, wenn ein hohes Niveau angestrebt wird, aber auch, wenn wir an der Basis arbeiten und textile Techniken und Ausdrucksweisen Autodidakten nĂ€herbringen? Wie mĂŒssen Grundlagen gelegt werden? Was wollen wir erreichen? Wie können wir individuell fördern? Wie steht es um die Kunst der Basis? Bringt eine gute Ausbildung oder Bildung der Basis automatisch im Umkehrschluß eine grĂ¶ĂŸere Akzeptanz der Textilkunst? Wie können wir in diesem Bereich ein Netzwerk spannen? Und wer setzt sich fĂŒr eine gute Ausbildung der Lehrenden auch im Basisbereich ein? Ich denke, es lohnt sich in vieler Hinsicht, sich auch darĂŒber Gedanken zu machen.

Ja und da kommt wieder meine Idee von einer allumfassenden Bildung fĂŒr jeden in den Sinn. Wer lernen will, soll die Möglichkeit dazu haben und das mit den besten Lehrern aus unterschiedlichsten Lebensbereichen…Wer arbeitet an Utopien, die sowohl zu einer umfassenden gestalterischen Allgemeinbildung als auch zu einer intensiven handwerklich kĂŒnstlerischen Ausbildung fĂŒhren können und dabei auch Laien im Blick behĂ€lt? Und in welchen LĂ€ndern wird es wie umgesetzt?

Ich habe schon lange etwas auf meiner Wunschliste stehen: Eine komplexes TEXTILlabor, mit den besten Lehrenden aus den Bereichen Kunst, Architektur, Design, Kunsthandwerk, Psychologie, Kunsttherapie, Zukunftsforschung, Neue Medien, PĂ€dagogik… . Hier haben alle, die interessiert sind, die Möglichkeit, sich mit den gewĂŒnschten Inhalten kompetent auseinanderzusetzen, egal ob es Laien, Studierte, Alte, Junge, Frauen, MĂ€nner, Kinder, Behinderte, Nichtbehinderte sind. Es gibt unterschiedliche Ausbildungs – und Weiterbildungsmöglichkeiten, das System ist durchlĂ€ssig und lĂ€sst viele Möglichkeiten der Bildung offen. Alle diese Angebote beziehen sich aber auf das Textile im weitesten Sinne. Warum auf das Textile? Das Textile begleitet den Menschen seit seinen AnfĂ€ngen, es hat seine Bedeutung bis heute behalten und das wird auch in Zukunft so sein. Da kann man sich ganz sicher sein.

ZurĂŒck aber zu meinen Statistiken, insbesondere zu den angewandten Techniken, wobei mehrere Techniken in einer Arbeit vorkommen können:

  • 27x Weben
  • 19x Sticken
  • 13x NĂ€hen
  • 9x FĂ€rben
  • 8x Drucken
  • 6x Applikationen
  • 4x KnĂŒpfen
  • 3x Stricken, Falten, Filzen, Wickeln,
  • 2x Patchwork, Experiment, Video, Fadenzeichnung, Ausbrenner, HĂ€keln, eigene Technik, Lasercut,
  • 1x Malen, Wachsbatik, Sprang, Schneiden, Origami, Spinnen, Nadelstiche, Papierschöpfen, Tapezieren, Klebepistole, Tuften, Quilten, Fototransfer, zusammenfĂŒgen, Frottage, Biegen, Klöppeln, 3-D-printing

Auffallend die vielen Webarbeiten. Das ist bestimmt dem TEXILEN ZENTRUM HASLACH als Austragungsort geschuldet, andererseits zeigt es aber auch, dass das Weben weiter verbreitet ist als man denkt. Das Sticken an zweiter Stelle wundert mich nicht, denn dieser Trend ist schon lange auch in der bildenden Kunst zu beobachten. Mit NĂ€hen kann vieles entstehen, im Bereich FĂ€rben und Drucken schaut man oft auf spezielle Techniken wie Shibori. Es stehen also textile Grundtechniken im Mittelpunkt: FlĂ€che fĂŒgen, OberflĂ€che gestalten, FlĂ€che zusammensetzen, FlĂ€che farblich gestalten.

Was im Quiltbereich Gang und Gebe ist und sich im Laufe der Jahre zu einem eigenen Bereich entwickelt hat, nĂ€mlich der Mixed Media Bereich, ist in dieser Ausstellung ganz wenig zu finden. Bei dem grĂ¶ĂŸten Teil der Werke, um genau zu sein bei 81, wird nur eine bis drei Techniken angewandt, der Rest geht ĂŒber 4 Techniken hinaus.

Womit wird gearbeitet? Welches Material wird eingesetzt?

Wolle, Stoff, Erde, Schweißdraht, Wellpappe, Leder, Baumwolle, Stickgarne, Blechschalen, TĂŒll, Perlen, Pailetten, Knöpfe, Acrylfarbe, Lichterketten, Fotos, HandtĂŒcher, Metallnetz, Draht, Jagdkleidung, Dessous, Flachs, Aluminium, AngelschnĂŒre, Papiergarn, Holzrahmen, Harz, Zeitschriften, Armierungsgitter, Acryl, Plastik, Geldsack, Puppenbeine, Holz, Motor, PlastiktĂŒten, Eisen, Kupferdraht, Pflanzen, leitende Fasern, Äste, Kunststoffnetz, Rosshaar, Fasern, Fischwirbel, Stahl, thermoplastisches Polymer, Gips, Schellack.

Und wie steht es mit den Ergebnissen? Wohin fĂŒhren die Auseinandersetzungen?

Das Bild, abbildend oder abstrakt, steht im Mittelpunkt mit 36 Arbeiten. Werke fĂŒr den Raum finden wir 26, Objekte fĂŒr Wand und Raum liegen mit 23 Werken an dritter Stelle und Installationen lassen sich auf 9 beziffern. Ich möchte betonen, daß es sich hierbei um eine subjektive Einteilung handelt.

Ob das Thema wirklich immer so eindeutig im Zentrum der einzelnen Werke stand, darĂŒber wurde viel diskutiert. Meiner Meinung nach war es nicht immer so gut abzulesen. Und bei manchen Werken hatte ich auch große Zweifel, ob sie hier an der richtigen Stelle ausgestellt waren.

Erfreulich finde ich, daß 69 Werke aus den vergangenen drei Jahren stammen, also sehr aktuell sind. Aus den Jahren 2011 – 2016 finden wir 18 Werke und 4 aus den Jahren 2005, 2006 und 2008.

ResĂŒmee

Rundum ist es also in vieler Hinsicht eine sehr ausgewogene Ausstellung. Sagt sie aber auch etwas ĂŒber den Stand der Textilkunst im Jahr 2019 aus? Da mĂŒsste man Vergleiche ziehen zum Beispiel mit den gesamten eingereichten Werken oder mit anderen Textilkunstausstellungen z.B. in Lodz bei der Triennale der Tapisserie oder bei den WTA-Wettbewerben. Das ist mir an dieser Stelle leider nicht möglich. Was ich bei einer solchen Analyse interessant finde: es tauchen neue Fragen auf , man schaut genauer hin, man entdeckt Neues und so soll es doch sein.