MANUFACTUM 2021

Ausstellungen




Am Samstagvormittag habe ich mir die offizielle Übergabe der Staatspreise fĂŒr das Kunsthandwerk NRW im Stream angeschaut. Leider mußte diese Veranstaltung coronabedingt im kleinsten Kreis stattfinden. Ich stelle Ihnen im Folgenden die PreistrĂ€gerInnen vor, fĂŒge auch die BegrĂŒndungen der Jury hinzu, um Ihnen zu verdeutlichen, wie es zu diesen Entscheidungen kommt und hoffe fĂŒr uns alle auf offene Zeiten auch fĂŒr dieses Museum. Weiter unten finden Sie einen Link zu einem Rundgang durch diese Ausstellung.






Handwerkliche PrĂ€zision, innovative Gestaltung aus einer Hand und ein experimenteller Umgang mit Materialien waren Bewertungskriterien fĂŒr die Vergabe der Staatspreise fĂŒr das Kunsthandwerk Nordrhein-Westfalen, MANUFACTUM 2021. Die Auszeichnungen wurden am Samstag, 24. April, in sechs Kategorien durch Landesministerin Ina Scharrenbach im Auftrag des MinisterprĂ€sidenten des Landes Nordrhein-Westfalen und Schirmherrn des Wettbewerbs, Armin Laschet, im Dortmunder Konzerthaus verliehen.


Die Ausstellung

Alle 121 in die Vorauswahl gekommenen Exponate inklusive der ausgezeichneten Arbeiten sind noch bis zum 27. Juni 2021 im Museum fĂŒr Kunst und Kulturgeschichte Dortmund (MKK) in der Sonderausstellung „MANUFACTUM“ zu sehen.

„Die Konkurrenzsituation war in diesem Jahr besonders hart“, sagt Beate Amrehn, die Wettbewerb und Ausstellung federfĂŒhrend betreut. „Alle, die in der Ausstellung dabei sein können, haben allen Grund sehr stolz auf sich zu sein“, meint die Formgebungsberaterin der Handwerkskammer Aachen.

Derzeit hat das MKK coronabedingt geschlossen. Sobald es wieder öffnet, haben Besucher*innen Gelegenheit, vor Ort im Museum ĂŒber ihr LieblingsstĂŒck und damit ĂŒber den Publikumspreis abzustimmen. Ein DesignprĂ€sent winkt als Gewinn.






Die PreistrÀger

Kategorie Bild- und Druckmedien: Jan Göller





Algen in einem Aquarium fotografiert. Viele Einzelaufnahmen, zusammengesetzt und bearbeitet, machen es möglich, die ca. 3 bis 5 cm kleinen Algen im Großformat auf circa 1,60 m darzustellen. Jan Göller, Fotograf aus Kerken, macht mit seiner fĂŒnfteiligen Arbeit „Verve“ auf den Zustand unserer GewĂ€sser aufmerksam, holt an die OberflĂ€che und macht deutlich, wie zart und schön die im Wasser lebenden, Photosynthese betreibenden Organismen sind.

Die PrĂ€sentation im schaukastigen Rahmen lĂ€sst zuerst an Zeichnungen oder Drucke des 18. Jahrhunderts denken. Sie verfĂŒhrt den/die Betrachter*in zum genauen Studium dieser Organismen mit ihren filigranen Strukturen. Was daherkommt wie aus alter Zeit, macht uns auf die FragilitĂ€t und den heutigen Zustand unserer GewĂ€sser aufmerksam. Ein sanfter Hinweis auf mögliche Katastrophen, vollendet dargestellt.


Kategorie Kleidung und Textil: Sharokina Golpashin





Ein StĂŒck Leder, keine NĂ€hte, 100% Handarbeit. Bei der Handtasche „UNA PURE“ hat Sharokina Golpashin aus DĂŒsseldorf die besonderen Eigenschaften von pflanzlich gegerbtem Leder dazu genutzt, Volumen ohne NĂ€hte entstehen zu lassen.

Die Jury ĂŒberzeugte, dass hier Techniken des traditionellen Lederhandwerks auf experimentelles, zeitgenössisches Design treffen. Positiv von der Jury bewertet wurde ebenfalls der ökologische und nachhaltige Ansatz im Umgang mit dem Material.

Eine Arbeit, rundum durchdacht, die sich bescheiden und auf den ersten Blick völlig unspektakulÀr und dezent gibt. Erst bei nÀherer Betrachtungsweise werden Möglichkeiten und QualitÀt sichtbar, sie lÀdt zum Ausprobieren und spielerischen Umgang ein.


Kategorie Möbel: Oliver Trepper










Der Hocker „Parabola“ von Oliver Trepper aus MĂŒnster ĂŒberzeugte die Jury als erfrischende Neuinterpretation eines eigentlich durchdeklinierten MöbelstĂŒcks, welche FunktionalitĂ€t und Ästhetik gekonnt miteinander vereint. Eine Sitzgelegenheit, die aufgrund ihrer skulpturalen Anmutung vielleicht erst auf den zweiten Blick als solche zu erkennen ist. Diese anfĂ€ngliche Ungewissheit erzeugt eine Spannung aus Neugierde und Erwartungen. Das erste Probesitzen begeistert mit einem vergnĂŒglichen und zugleich angenehmen Sitzerlebnis. Der Hocker fordert durch seine flexiblen Elemente zum bewegten Sitzen auf.

Ebenso spannend ist die durch einen Perspektivenwechsel vielfĂ€ltige Erscheinung. Aus einem Blickwinkel betrachtet, Ă€hnelt die SitzflĂ€che aus gebogenen Holzleisten einem Geflecht. Aus einem anderen Blickwinkel ergibt sich eine durchschaubare graphische Überlagerung aus sich wiederholenden, floralen Schleifenkonturen. Die Verbindung der unter Spannung stehenden Massivholzleisten und dem Stahlgestell ist simpel, aber dennoch handwerklich anspruchsvoll gelöst. Ein Objekt, gut vorstellbar sowohl in einfachen WohnrĂ€umen, als auch in Sondersituationen wie Entrees oder Lounges. Die Arbeit nimmt sich zurĂŒck und passt sich auf angenehme Weise verschiedenen Umgebungen an.


Kategorie Objekt und Skulptur: Maria Pohlkemper





In der Zusammenschau der beiden Ă€hnlichen, aber unterschiedlichen Arbeiten „WISP – WHAT IS PERFECT“ stehen sich die Ruhe und Eindeutigkeit des zweiten Objektes sowie die fließende Dynamik und BrĂŒchigkeit des ersten Objektes gegenĂŒber, sie fĂŒgen sich zu einem Ensemble zusammen. Die Jury ĂŒberzeugte die PrĂ€sentation und GegenĂŒberstellung sowohl des gelungenen Objektes als auch der scheinbar misslungenen Arbeit von Maria Pohlkemper, Keramikerin aus Billerbeck. In beiden ist das zugrundeliegende Arbeitskonzept klar ablesbar. Die Herstellung der frei aufgebauten Porzellanobjekte aus Bone China Porzellan ist handwerklich sehr aufwendig, mit komplizierten und komplexen Arbeitsschritten verbunden und beeindruckend kunstfertig ausgefĂŒhrt. Die Objekte sind in ihrer Struktur angelehnt an Architekturelemente und verweisen gleichzeitig in ihrem Gesamteindruck auf organische Formen. Sie bieten fĂŒr Betrachter*innen vielfĂ€ltige AnknĂŒpfungsmöglichkeiten in der Ansicht und der Deutung.

Beeindruckt war die Fachjury ĂŒber das im Brennprozess verformte Objekt, das die Herstellerin mit ihrem Ergebnis akzeptiert und damit fĂŒr sich einen neuen Weg beschreiten konnte. Der Schritt, das „unperfekte“ Objekt gerade wegen seiner BrĂŒche und Risse zu akzeptieren, darin eine eigene Schönheit und Lebendigkeit zu entdecken, wurde als ein neuer Aspekt der Wahrnehmung gewertet.


Kategorie Schmuck: Carola Kosche





Bei der Halsschmuckserie „From line to space“ SQUARE-FOURSQUARE-CUBE-GRID aus Silber und Stahlseide, fĂ€delt Carola Kosche aus LĂŒdenscheid Silberröhrchen auf einen durchgehenden Faden aus Stahlseide. Die Maße und die Durchmesser der Silberrohre sowie die StĂ€rke der Stahlseide bestimmen die Wirkung des entstehenden SchmuckstĂŒckes wesentlich. Die symmetrisch angeordneten Strukturen werden zu filigranen, beweglichen SchmuckstĂŒcken mit voluminöser Wirkung. Die Titel der einzelnen Arbeiten benennen die Art, wie sich jeder einzelne Halsschmuck den Raum erobert.

Die Arbeit erklĂ€rt sich durch eine konsequente Reihung und besticht durch die Reduktion in Form einer fokussierten Auseinandersetzung mit linearen Strukturen. Jedes Collier steht dennoch fĂŒr sich. Und auch im getragenen Zustand ergibt sich ein ĂŒberraschend frisches Tragebild. Das Anlegen animiert zum spielerischen Ausloten der Position. Die Haptik der beweglichen Elemente, die Weichheit der Verbindung und die spĂŒrbare FlexibilitĂ€t kommen ĂŒberraschend daher. Nimmt man die „Grid“ in die Hand, lĂ€sst sie sich komprimieren und schafft es dennoch, sich anschließend wieder problemlos in ihre Ursprungsform zu begeben. Die Colliers wirken fragil und sind gleichzeitig höchst flexibel. Die Assoziation grafischer Anmutung und architektonischer Wirkung hat die Fachjury im Besonderen fasziniert, ĂŒberzeugt hat die Einfachheit im Verlauf der PrĂ€sentation, die Bewegung und das strukturale Emporwachsen.


Sonderpreis Bild- und Druckmedien: Theresa Wedemeyer





Das Buchprojekt I BM G III von Theresa Wedemeyer aus MĂŒnster ist im traditionellen Bleisatz von Hand gesetzt und die Handpressendrucke auf einer Abziehpresse gefertigt. Die Sammlerausgabe ist eine flexible koptische Heftung mit goldener PrĂ€gung. Die Liebhaberausgabe ist an FĂ€lze gehangen und als Franzband mit offenem Gelenk gearbeitet. Ausgestattet mit einem Lederkapital, einem Elfenbeinschnitt und mit einer Monotypie als Bezugspapier.

Die Arbeiten, die in traditioneller Buchbinderarbeit, altem Bleisatz und Druckverfahren erstellt wurden, bestechen durch ihre konzeptionelle Stringenz. Gleichzeitig wird durch dieses traditionelle Handwerk eine hochaktuelle Thematik inhaltlich und visuell aufbereitet: die Geschlechterfrage, die Geschlechterrollen und deren gesellschaftliche Bewertung. Dabei wurde die Kombination aus Bibeltexten und grafischen Symbolen auf reduzierte Weise als Angebot aufbereitet, um sich diesem relevanten Thema auf ungewöhnliche Art und Weise zu nĂ€hern. Der leicht spielerische Zugang zu einem oft dogmatisch verhandelten gesellschaftlichen Zustand einer geschlechtlichen Ungleichbehandlung wirkt inspirierend. Neben der perfekten handwerklichen Realisierung dieses Projektes hat die Jury ĂŒberzeugt, dass hier ein Ansatz frei von moralischer Bewertung gewĂ€hlt wurde, der zu einem offenen Diskurs einlĂ€dt.


MANUFACTUM Staatspreis NRW

Aus insgesamt 375 Bewerbungen wĂ€hlte eine fachkundige Jury 121 Arbeiten aus. Ein Preisgericht entschied im Anschluss ĂŒber die Vergabe der Staatspreise in den sechs Kategorien. Im Bereich „Wohnen“ wurden von der Jury 22 Arbeiten, zum Thema „Möbel“ 23 Arbeiten, unter dem Oberbegriff „Schmuck“ 23, im Bereich „Bild- und Druckmedien“ 13, in der Kategorie „Objekt und Skulptur“ 25 und im Bereich „Textil und Kleidung“ 16 Arbeiten vorausgewĂ€hlt. Materialauswahl, Techniken und konzeptionelle Gestaltung standen dabei im Vordergrund.

Alle zwei Jahre können sich Kunsthandwerker*innen, die in Nordrhein-Westfalen leben und arbeiten, um die Teilnahme an der Landesausstellung bewerben. Der Wettbewerb gehört mit insgesamt 60.000 Euro zu den höchstdotierten Preisen seiner Art in Deutschland.

Wettbewerb und Ausstellung werden im Auftrag der Landesregierung NRW von der Beratungsstelle fĂŒr Formgebung der Handwerkskammer Aachen Gut Rosenberg in Zusammenarbeit mit dem Museum fĂŒr Kunst und Kulturgeschichte (MKK) in Dortmund durchgefĂŒhrt.

Der Wettbewerb ist mehrstufig. Eine Fach- und eine Preisjury entscheiden zuerst online ĂŒber die Nominees und vor Ort ĂŒber die Staatspreise. „Ein Verfahren, das sich bestens bewĂ€hrt hat“, meint Juryvorsitzende Birgit MĂŒller.


Sie können sich auf dieser Seite den Katalog anschauen. Ausserdem finden Sie hier Fotos zur Ausstellung, die sehr gut zeigen, wie konzeptionell gelungen die gesamte PrÀsentation ist. Ich hoffe, wir finden Zeit, diese starke Ausstellung dann wirklich auch besuchen zu können. Meinen ersten Bericht zu diesem Wettbewerb und zu meiner Arbeit können Sie hier lesen.

Rechte fĂŒr alle gezeigten Fotos : Nina Nikelowski

Fashion revolution

Engagement, Entdeckungen


Fashion Revolution ist die weltweit grĂ¶ĂŸte Mode-Aktivismus-Bewegung, die sich fĂŒr eine saubere, sichere, faire, transparente und verantwortungsvolle Modeindustrie einsetzt – durch Forschung, Bildung und das Eintreten fĂŒr politische VerĂ€nderungen. Sie glauben an eine globale Modeindustrie, die die Umwelt schont und wiederherstellt und Menschen ĂŒber Wachstum und Profit stellt. Um dieses Ziel zu erreichen, fĂŒhrt die Organisation Untersuchungen durch, die die Praktiken und Auswirkungen der Modeindustrie beleuchten, aufzeigen, wo sich Marken und EinzelhĂ€ndler zu langsam bewegen, und Anreize schaffen und Transparenz und Verantwortlichkeit in der gesamten Lieferkette fördern.






 



Diese Bewegung hat die fashion revolution week ins Leben gerufen, die immer zur gleichen Zeit im April stattfindet. Sie erinnert an die Katastrophe in Bangladesch. Am 24. April 2013, also heute vor 8 Jahren, stĂŒrzte dort eine Textilfabrik ein. Es waren 1100 Tote und 2500 Verletzte zu beklagen. In diesem GebĂ€ude wurde unter unsĂ€glichen Bedingungen Mode fĂŒr die grĂ¶ĂŸten Modelabels dieser Welt hergestellt. Heute wird an diesen Tag erinnert und es werden unsere eigenen Einstellungen zu unserem Modekonsum in Frage gestellt. Was brauchen wir wirklich? Wie lange tragen wir unsere Kleidung? Wo wird sie hergestellt und unter welchen Bedingungen? Wie setzt sich unsere Kleidung zusammen und ist sie nachhaltig und gut recycelbar? Wie können wir selbst unsere Einstellung zu unserem Konsumverhalten ĂŒberdenken und ggf. auch Ă€ndern? Was macht das mit uns, wenn wir auf die HĂ€lfte der Kleidung verzichten, die wir normalerweise kaufen wĂŒrden? Machen wir damit die Welt etwas besser?











Ich denke, es höchste Zeit, in dieser Richtung etwas zu unternehmen. DafĂŒr muss man sich nicht dieser Bewegung anschließen, aber man kann fĂŒr sich eine ganze Menge Ă€ndern. Man kann sich informieren, zum Beispiel hier, man kann die Hersteller anschreiben und nach den Bedingungen fragen, unter denen die Mode hergestellt wird. Wenn es wache Verbraucher gibt, die unangenehme Fragen stellen, werden die Firmen schon aufhorchen. Und ich bin immer der Ansicht gewesen, viele kleine Schritte sind viel besser, als immer auf die großen VerĂ€nderungen zu warten.

Da wir doch so viel mit Textilien zu tun haben und sie lieben und mit ihnen auch arbeiten, möchte ich an dieser Stelle auf diesen besonderen Tag und seinen Hintergrund aufmerksam machen.  






Und wie man sieht, kann es auch Spaß machen, sich an Aktionen zu beteiligen. Hier sehen Sie ein Bild Schweizer Aktivistinnen.