Im Namen der Pusteblume

Entdeckungen, Poetisches





Pusteblumen verarbeiten? Wo gibt es denn so was? Als ich das erste Mal eine Arbeit mit diesen zarten und vermeintlich leicht zerstörbaren Naturwundern dieser besonderen KĂŒnstlerin aus Köln gesehen habe – es war auf einem Foto – habe ich nur gestaunt und ich war fasziniert. Fasziniert vielleicht auch deshalb, weil ich diese SamenstĂ€nde als Kind besonders geliebt habe und auch heute noch bestaunen kann. Eines dieser Wunder begleitet mich seit mindestens 30 Jahren in einem kleinen HolzschĂ€chtelchen . Es hat unsere UmzĂŒge mitgemacht und jedes Mal wurde diese Dose ganz vorsichtig von Hand getragen, damit der Blume  nichts geschieht.

Der Name der KĂŒnstlerin war mir schon lange vertraut: Traudel Lindauer. Ich hatte Jahre zuvor in einem Wettbewerbskatalog aus dem Jahr 1995 die Rauchzeichen aus dem NĂ€hzimmer entdeckt. Der Titel hat mich schmunzeln lassen, denn ich mußte an meine Zeit im NĂ€hzimmer denken, die ich tagtĂ€glich dort verbrachte. Und es fiel mir auch sofort der Satz ein: aus dem NĂ€hkĂ€stchen plaudern… Jedenfalls schien die KĂŒnstlerin doch einen feinen Humor zu haben.

Ich habe zu dem Zeitpunkt nicht weiter forschen können, denn da gab es noch nicht die Möglichkeit im Internet zu recherchieren. Ich weiß auch gar nicht, wo ich das erste Mal ihre zarten und filigranen Pusteblumenarbeiten entdeckt habe. Vielleicht war es in der Zeitschrift Textilkunst oder in der Zeitschrift Textilforum. Egal, es war fĂŒr mich unbegreiflich, wie man ein solches Wunderwerk von BlĂŒte in ein neues Kunstwerk verwandeln konnte. Auf den Abbildungen waren alle diese SamenstĂ€nde perfekt eingesetzt. An diesen hĂŒbschen Kugeln fehlte nicht ein Samenkorn. Wie war das möglich? Und wie organisiert man damit eine Ausstellung? Da konnte doch immer etwas zerstört werden. Und wie bewahrt man diese Kunst auf? Fragen ĂŒber Fragen, die bis heute keine abschließende ErklĂ€rung gefunden haben.

Ich habe Jahre spĂ€ter eine kurze Begegnung mit der KĂŒnstlerin genutzt und ihr diese Fragen gestellt. Sie hat nur so viel verraten, dass die Pusteblumen durch einen Trick haltbar und sogar austauschbar gemacht werden, wenn denn eine wirklich zerstört wird. Es schien fĂŒr sie selbstverstĂ€ndlich zu sein und auch gar nicht so wichtig.

Dann gab es eine ersten Katalog ihrer Werke,. Und was gab es da nicht noch alles zu entdecken: Kleiderfragmente aus MagnolienblÀttern, TulpenblÀttern oder Vergissmeinnichtpflanzen.


Fotograf: Wolfgang GrĂŒmer


Dieses Fragment  habe ich 2017 auf der Ausstellung ManuFaktum im Original sehen dĂŒrfen. Das Fragment war so zart und zerbrechlich, daß es zwischen zwei Acrylglasplatten prĂ€sentiert werden musste.


wir kommen


Die TulpenblĂŒtenblĂ€tter, natĂŒrlich getrocknet, wurden im kleinen Rahmen auch zu fantastischen Vögeln, die – nur durch wenige Stiche ergĂ€nzt – eine ganze Geschichte erzĂ€hlen.

Und nun liegt der neue, aktualisierte Katalog vor mir. NatĂŒrlich finden sich hier die beschriebenen Kleiderfragmente aus Naturmaterialien, auch ein sogenanntes GlĂŒckskleekleid aus dem Jahr 2019. Jedes dieser vierblĂ€ttrigen KleeblĂ€tter ist von Traudel Lindauer selbst gefunden worden. Es hat also Jahre gedauert, bis die Sammlung so groß war, dass sie dieses Kleidfrag-ment ergeben haben.


GĂŒckskleekleid 2019


Ich habe es da etwas einfacher. Ich habe Klee auf meinem Balkon stehen, der hat immer vier BlĂ€tter. Ich habe ihn mir einmal aus der Schweiz mitgebracht und er zeigt sich Jahr fĂŒr Jahr immer wieder aufÂŽs Neue.

Es gibt aber auch noch ganz andere Dinge zu entdecken z.B. eine Installation aus Organzakugeln mit dem Titel schwebendes Kugelweiss,






transparente Kimonoobjekte wie dieses mit dem Titel Die WĂŒrfel sind gefallen,


Fotograf: Fotodesign Karsten


und die Weberschiffchen sind vom Winde verweht, verwandeln sich in eine phantastische Flotte.





Aus dem Jahr 2020 findet sich diese Figurengruppe. Ist doch recht fröhlich, oder?





Vieleicht faszinieren mich die Arbeiten der KĂŒnsterlin deshalb so, weil sie in vieler Hinsicht meine eigenen Sammlungen, Werke, Gedanken und kĂŒnstlerischen Wege berĂŒhren. Vielleicht ist aber auch so, dass diese Werke einfach nur schön sind. Machen Sie sich selbst ein Bild. Oder leisten Sie sich diesen Katalog und legen Sie ihn auf den Nachttisch fĂŒr einen kleinen Blick auf eine solche Schönheit und Stille, bevor Sie einschlummern.

Traudel Lindauer wurde 1942 in Dresden geboren. Sie lebt in Köln. Seit 1986 arbeitet sie als freie KĂŒnstlerin ebendort. Sie kann auf zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland zurĂŒckblicken. Außerdem erhielten ihre Werke eine Reihe von Auszeichnungen.

Der Katalog ist ĂŒber die KĂŒnstlerin direkt zu beziehen.

Die Rechte der Fotos liegen, soweit nicht anders angegeben, bei der KĂŒnstlerin.




Bei meinen Recherchen bin ich auf folgenden Tipp gestoßen:

Sollten Sie selbst einmal Pusteblumen verarbeiten wollen, gibt es einen ganz besonderen Trick ohne Haarspray oder anderen Klebemitteln. Sie mĂŒssen den Löwenzahn nach der BlĂŒte und vor dem Öffnen der Samen pflĂŒcken, durch den Stiel eine Holzstab fĂŒhren und dann in ein Glas stellen. Nach 24 Stunden ist die wunderschöne kleine Kugel in ihrer ganzen Pracht geöffnet und verliert keinen Samen mehr. Ich habe es selbst auch noch nicht ausprobiert, werde das aber ganz bestimmt tun, wenn die Zeit dafĂŒr wieder da ist. Detaillierte Anleitungen mit Bildern finden Sie im Internet.

Auf Pinterest habe ich noch zwei Stoffcollagen zum Thema gefunden und bei mir eingestellt.

Und zum Schluß soll ja unsere kleine ZeichenĂŒbung auch nicht fehlen: