Zeit

Im Atelier


Es ist nicht ungewöhnlich bei mir, daß ich mir kleine Aufgaben suche, die ich jeden Tag durchfĂŒhre und die am Ende zu einer großen Arbeit fĂŒhren. So habe ich vor langer Zeit eine Tagesdecke in Patchworktechnik von Hand ĂŒber Papier genĂ€ht. Ich wollte wissen, ob ich Zeit somit erfahrbar machen kann. Mir war auch wichtig, zu ergrĂŒnden, ob diese Handarbeit wie viele, die folgten, eine andere IntensitĂ€t generiert. Ich bin zu der Auffassung gelangt, daß das intensive eigene Tun, das mit der Hand Arbeiten, in vieler Hinsicht dem Werk eine ganz besondere Dimension hinzufĂŒgt. Es bringt meine Gegenwart sehr direkt in jede Arbeit. Es ist mein menschliches Maß, das sich durch die Stiche zeigt, meine mögliche Geschwindigkeit, meine Disziplin, meine Geduld.

Beim Handsticken kann man nicht schnell arbeiten, es braucht seine Zeit. So wird man immer wieder in die Langsamkeit zurĂŒckgefĂŒhrt. Ich arbeite beim Sticken frei, halte mich an keine Vorgaben, denke nicht an bestimmte Stiche, die ich einsetzen möchte, sondern gebe mich dem Fluß des Stickens hin, lasse entwickeln. Das alles ist ein großes Geschenk, das ich mir im Laufe der Jahre erarbeiten durfte.

RegelmĂ€ĂŸigkeiten finden wir auch in unserem Alltag. Ich denke, ich muß die kleinen Wiederholungen nicht aufzĂ€hlen. Als frei schaffende KĂŒnstlerin habe ich immer Wert darauf gelegt, daß ich einen geregelten Tagesablauf habe, denn nur so war es mir möglich relativ entspannt alle Aufgaben, die meinen Beruf betrafen, anzugehen. So war auch mein Alltag von gewissen RegelmĂ€ĂŸigkeiten geprĂ€gt.

Mit Beginn der Pandemie Ă€nderte sich dieser Tagesablauf, nicht sofort, aber doch nach und nach und zum Teil unmerklich. Die BĂŒrozeit am Vormittag konnte ich wieder intensiver zur Recherche auch fĂŒr diesen Blog nutzen. Reisen waren ja nicht mehr zu planen, Workshops mußten nicht vorbereitet oder neu erarbeitet werden. Sie haben an dieser Stelle immer wieder von meinen AufrĂ€umaktionen, dem Durchforsten meiner Archive und Ă€hnlichem gelesen.

In der ersten Zeit des Lockdowns hatte ich die Idee, etwas aus dieser Zeit festzuhalten und in ein Werk einfließen zu lassen. Auch wenn die Tageszeitung vielleicht ein wenig aus der Mode gekommen ist, verbindet sie mich neben anderen Medien mit dem, was in der Welt passiert. Was also wĂ€re prĂ€destinierter als solch eine Drucksache, um diese besondere Zeit festzuhalten?

Gesagt, getan, jeden Mittag habe ich mich hingesetzt und die gesamte Ausgabe inclusive Werbung und sonstigen Zugaben zu schmalen, langen Rollen verarbeitet. Jede Gruppe wurde zusammengebunden und mit einem Zettel versehen. Darauf war der Tag, die Anzahl der Zeitungsseiten und der Werbung und der Umfang dieser Rolle notiert. Einen Monat lang habe ich immer die gleichen Arbeitsschritte vollzogen. Ich war gespannt, was dieses Vorgehen bringen wĂŒrde. Zu der Tageszeitung kam in einer weiteren Gruppe eine Wochenzeitung dazu.
Es hatte mich gepackt und ich war voll Begeisterung bei der Sache. Als der Monat abgeschlossen war, habe ich die Ergebnisse erst einmal zur Seite gelegt, aber so, daß sie doch immer in BlicknĂ€he waren. Anfang diesen Jahre habe ich meine Ideen auf den PrĂŒfstand gestellt und ich habe festgestellt, daß mir das Festhalten an dieser ersten Zeit gar nicht mehr wichtig war. Und so ist das passiert, was eigentlich selten bei mir passiert, ich habe die gesamten Röllchen weggeworfen. Und es hat mir gut getan, mich in einer Arbeit nicht mit dem Virus auseinanderzusetzen, sondern bei meinen Themen zu bleiben, die mir wichtig sind und die ich nicht missen möchte.